„Den werd ich mir schon richtig erziehen – Wie man sich den perfekten Partner ‚hinbiegt’ “

Am Anfang einer Beziehung scheint alles rosig zu laufen. Ungereimtheiten und Eigenheiten des Partners werden als liebenswerte, unproblematische Macken abgestempelt, man schwebt auf Wolke Sieben und meint, den Partner mit all seinen Fehlern auf Dauer akzeptieren und lieben zu können. Sobald man die rosarote Brille abnimmt und der Alltag und die Realität in eine Beziehung einkehren, scheinen die kleinen Macken längst nicht mehr so liebenswert und akzeptabel.

Doch kann man den Partner nun noch ändern? Soll man sich seinen Partner ‚zurechtbiegen’? Klappt das Vorhaben, den Partner nach seinen Wünschen zu erziehen überhaupt? Kann das gut gehen?

Die ersten Wochen einer neuen Beziehung – viele Paare erleben die gemeinsamen Momente wie im Traum, schweben von einem Highlight zum nächsten und sind vollauf damit beschäftigt, den Partner in all seinen Facetten kennenzulernen. Macken, Eigenheiten und Ticks werden als liebenswert und durch und durch niedlich, anziehend und einfach umwerfend empfunden. Wer es wagt, etwas Negatives über den neuen Partner zu sagen, hat nichts zu lachen. Rationelle Einwürfe und vorsichtige Hinweise von Familie oder besten Freunden sind inakzeptabel und werden nicht gehört. Die Liebe regiert durch und durch.

Ein paar Monate später. Die kleinen Macken und Eigenheiten sind inzwischen sehr viel weniger liebenswert und keinesfalls mehr niedlich. Der Partner ist zu einem wichtigen Bestandteil im Leben geworden, man plant bereits eine gemeinsame Zukunft. Allerdings: Die Macken müssen unbedingt weg.

Umerziehung steht auf dem Plan. Denn die vormals kleinen Eigenheiten sind inzwischen zu einem nervigen Verhalten avanciert, das man auf Dauer weder tolerieren noch akzeptieren kann. Der Partner muss sich ändern, komme was da wolle. Doch nun stellt sich die Frage nach dem wie. Einfach immer nörgeln und hoffen, dass der Partner den Wink mit dem Zaunpfahl versteht? Erziehungsmaßnahmen einführen? Oder ignorieren und hoffen, dass sich der Partner von selbst ändert?

Stefan und Lara kennen das Dilemma. Sie sind seit einem Jahr ein Paar. Sie lieben sich, doch einige ihrer Angewohnheiten stören den jeweils anderen Partner sehr. „Lara ist chronisch unpünktlich. Wenn wir uns an einem Ort zu einer bestimmten Zeit verabreden, kann ich sicher sein, dass sie nicht pünktlich erscheint“, erzählt Stefan. Auch Lara hat so ihre liebe Not mit Stefan. „Er ist ein lieber Kerl, aber ein totaler Chaot. Ordnung ist für ihn ein Fremdwort. Das ist ärgerlich, da wir planen zusammenzuziehen. Allerdings möchte ich das nicht, wenn er weiterhin so unordentlich ist“, verrät Lara.

Erwachsen = unveränderbar?

Man hört es des öfteren von allen Seiten: Ist man erwachsen, kann man sich nicht mehr ändern. Man hat seine eingefahrenen Routinen, ist fest in ein bestimmtes Verhaltensmuster eingebettet. Kurzum, der Zug der Veränderung ist längst abgefahren. Doch stimmt das? Psychotherapeuten versichern, man können sich immer ändern und ändern lassen. Wichtig ist, dass man es selbst auch möchte. Änderungsprojekte funktionieren nur, wenn sich die beteiligten Personen nahe stehen und der Wille zur Veränderung vorhanden ist.

Vor allem in Liebesbeziehungen scheinen Veränderungen besonders schwer. Der Grund dafür ist schnell gefunden. Die meisten Paare warten viel zu lange mit „Kritik“. Anfangs ist der Blick verklärt, man möchte Macken nicht als solche wahrnehmen, man tendiert dazu, sich alles schönzureden. Doch genau darin liegt das Problem. Spricht man bereits zu Beginn an, welche Verhaltensweisen verletzend sind bzw. welche eine Grenze überschreiten, dann hat man gute Chancen, dieses Verhalten beim Partner zu verändern.

Versucht man von Anfang an, den Partner zu „ändern“ bzw. ihn auf Verhaltensweisen hinzuweisen, die später evtl. Probleme verursachen könnten, besteht viel Aussicht auf Hoffnung. Dies soll nicht bedeuten, dass man den Partner ständig kritisieren muss. Derlei Unstimmigkeiten werden am besten in offenen, liebevoll geführten Gesprächen diskutiert. Wer mit Herz und Verstand diskutiert, hat die größten Erfolgschancen.

Der Ton macht die Musik

„Zu sagen was mich stört oder was mich nervt, war anfangs ziemlich schwierig“, verrät Stefan. „Ich habe mich wohl oft im Ton vergriffen, denn Lara war schnell verletzt bzw. fühlte sich total angegriffen. Da kamen wir gar nicht weiter. Ich habe ihr anfangs klipp und klar gesagt, was mich an ihr stört – das muss sich wohl ziemlich hart und lieblos angehört haben. Denn sie war anschließend vollkommen aufgelöst und sah unsere Beziehung schon zerbrechen. So war das natürlich gar nicht gemeint. Denn ich liebe sie ja. Ich wollte ihr lediglich sagen, dass mich ein paar Dinge an ihr stören.“

Wie Stefan und Lara geht es vielen Paaren, wenn es darum geht, die eigenen Wünsche und Veränderungsvorstellungen dem Partner klarzumachen. Daher gilt: Statt den Partner ohne Umschweife hemmungslos zu kritisieren lieber klar, deutlich und sachlich ansprechen, was man gerne ändern würde.

Wer deutlich und ohne großes drumherum reden anspricht, was er sich wünscht, findet am ehesten Gehör. Zumal der Liebespartner so am ehesten geneigt ist, sein Verhalten zu ändern. Denn die Änderung kommt der Beziehung zu Gute und ist damit letzten Endes für beide Personen ein Gewinn. Im Klartext bedeutet dies, in derlei Situationen statt „du bist…“ lieber ein „ich würde mir wünschen“ zu verwenden. Sätze aus der Ich-Perspektive formuliert, scheinen weniger hart und anschuldigend und wirken gerade bei heiklen Themen Wunder. Und schaffen beim Gegenüber eher Bereitschaft zu einer Veränderung.

Allerdings: Stundenlange Couch-Gespräche was wann wie wo am besten geändert werden kann, helfen wiederum gar nichts. Dies bewirkt eher das Gegenteil: Die Beziehung wird anstrengend und mühsam. Vielmehr sollte man kurz, aber prägnant, klar aber nicht lieblos sagen, was man sich wünscht und was man ändern könnte. Gemeinsam kann man dann daran arbeiten, dies umzusetzen.

Stefan hat seine Taktik inzwischen geändert. Statt Lara zu beschuldigen, ständig zu spät zu sein, fängt er Diskussionen damit an, ihr zu sagen, dass er sie liebt. Die beiden schaffen eine positive Grundstimmung und gehen dann daran, sich zu erklären, was sie gerne ändern würden.

Sie streiten nicht, sondern bringen sachlich ihre Wünsche vor. Durch die zuvor geäußerten positiven Bestärkungen wissen sie von Anfang an, dass sie sich lieben, es  herrscht keinerlei Anspannung. „Ich habe Lara einfach erklärt, wie ich mich fühle, wenn sie zu spät kommt. Welche Sorgen ich mir mache und wie groß mein Unwohlsein ist, wenn sie einfach nicht auftaucht. Plötzlich war sie sehr offen für meine Aussagen, sie hat erkannt, was das für mich bedeutet und wie wichtig es mir ist, dass sie pünktlich erscheint. Klar wird das nicht von heute auf morgen, von jetzt auf gleich klappen, dass sie sich ändert. Dafür ist sie einfach schon zu lang unpünktlich“, lacht Stefan.

„Aber sie möchte sich ändern. Mir zuliebe und der Beziehung zuliebe.“ Und auch Lara hat Stefan inzwischen mitgeteilt, was sie sich wünschen würde. „Ich habe ihm erklärt, wie wichtig mir Ordnung und Sauberkeit im eigenen Heim sind. Und dass ich mir Sorgen mache, dass wir uns – sollten wir zusammenziehen – dann ständig wegen unaufgeräumten Sachen in die Haare kriegen. Das möchte ich nicht. Er versucht nun, sich zu ändern. Genau wie bei mir wird das auch bei ihm seine Zeit dauern. Aber wir wollen eine gemeinsame Zukunft und wollen es dem anderen ein bisschen leichter mit uns machen“, lacht Lara.“ Ich denke, dass wir das hinkriegen. Wir erziehen uns gegenseitig – und schauen mal, was dabei rauskommt.“

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